Lieferengpässe bei Automobilherstellern

Wer aktuell einen Neuwagen kaufen möchte, muss erst einmal abklären, ob das gewünschte Modell lieferbar ist.

Was steckt dahinter?

Die Automobilindustrie steckt gerade im Umstellungsprozess auf das neue Prüfverfahren WLTP (Worldwide Harmonised Light-Duty Vehicles Test Procedure). Die Umstellung von NEFZ auf WLTP soll die Lücke zwischen den offiziellen Herstellerangaben und den tatsächlichen Verbrauchs- und Emissionswerten auf der Straße vermindern. Das WLTP ist deutlich dynamischer, da es mehr Beschleunigungs- und Bremsvorgänge vorsieht. Im Vergleich zum NEFZ weist es eine längere Zykluszeit und -länge mit einem geringeren Standanteil auf. Zudem liegen die mittlere Geschwindigkeit und die Höchstgeschwindigkeit im neuen Testverfahren höher. Sonderausstattung, Aerodynamik und Bordnetzbedarf (Ruhestrom) werden zudem berücksichtigt. Hier mehr zum WLTP lesen.

Was heißt das für die Hersteller?

Mit dem neuen Verfahren steigt der Prüfaufwand für die Hersteller. Im Prinzip muss jede mögliche Konfiguration gemessen werden. Sonderausstattungen wie Schiebedach, Anhängerkupplung oder Felgenbeschaffenheit können das Gewicht oder die Aerodynamik des Fahrzeugs verändern und beeinflussen damit auch den Verbrauch bzw. die Emissionen. Zusatzausstattungen müssen nun für jede Motor-Getriebe-Kombination zertifiziert werden. Zwar mussten Hersteller natürlich auch beim NEFZ-Prüfverfahren ihre Fahrzeuge testen, aber längst nicht so umfangreich. Für Baureihen wurden üblicherweise Gruppen gebildet, innerhalb einer Karosserieform wurde dann simuliert. Es wurde also nicht jedes einzelne Fahrzeug getestet.

Was ist das Problem?

Offenbar kommen die Hersteller mit dem Prüfen nicht hinterher. Laut VDA stehen allein bei den deutschen Konzernmarken derzeit noch mehr als 500 WLTP-Genehmigungsverfahren an. Modelle, die noch nicht nach dem neuen Verfahren getestet sind, dürfen ab dem 1.9.2018 nicht mehr verkauft werden. Hinzu kommt, dass Benziner mit Direkteinspritzung mit einem Partikelfilter ausgerüstet werden müssen, um die aktuellen Abgasnormen auch im WLTP-Zyklus zu erfüllen. Dieser Umrüstungsaufwand führt ebenfalls zu Verzögerungen.

Welche Folgen hat das?

Laut Medienberichten haben Audi, BMW, VW und Porsche bestimmte Modelle aus dem Sortiment genommen. Betroffen sind vor allem direkteinspritzende Benziner, aber auch Fahrzeuge mit alternativen Antrieben. Einige Fahrzeughersteller haben im Moment Probleme bei der Bestellung und Lieferung von Pkw mit Gasantrieb (CNG) und vollelektrischen (BEV) oder teilelektrischen Antrieben. Die Umstellung auf das WLTP-Testverfahren scheint also auch Ressourcen für die Zulassung von Fahrzeugen mit alternativen Antrieben abzuziehen. Und das obwohl in den letzten Monaten die Nachfrage nach CNG, PHEV und BEV seitens gewerblicher und privater Verbraucher deutlich gewachsen (hier geht's zum Download des Monitoringberichts "Alternative Antriebe in Deutschland").

Welcher Zeitplan ist für die Umstellung vorgesehen?

Die Verordnung 2017/1151 zur Einführung des weltweit harmonisierten Prüfverfahrens für leichte Nutzfahrzeuge (WLTP) der europäischen Kommission ist am 27. Juli 2017 in Kraft getreten. Sie sieht eine stufenweise Umstellung auf WLTP vor. Bereits seit dem 1.9.2017 werden neue Fahrzeugtypen, also Modelle, die erstmalig in den Markt eingeführt wurden, nach WLTP geprüft und zugelassen. Der 01.09.2018 ist Stichtag für alle Neufahrzeuge, bis dahin müssen alle neu auf dem Markt kommenden Fahrzeuge nach WLTP geprüft sein.

Ausblick: Wie wirkt sich die Umstellung auf das Pkw-Label aus?

Die Umstellung auf WLTP macht auch eine Novellierung der Pkw-Energieverbrauchskennzeichnungsverordnung (Pkw-EnVKV) erforderlich. Bis zum Inkrafttreten der novellierten Verordnung (voraussichtlich April/Mai 2019) müssen die obligatorischen Verbraucherinformationen zum Kraftstoffverbrauch und den CO2-Emissionen am Verkaufsort (Pkw-Label, Aushang, DAT-Leitfaden), in der Werbung und im Internet weiterhin nach NEFZ gemacht werden. Hersteller und Händler können die WLTP-Werte auf freiwilliger Basis schon vor einer Novellierung angeben. Die Information muss aber separat und deutlich abgegrenzt von Angaben im Sinne der Pkw-EnVKV erfolgen. Eine Ausnahmeregelung wird für die sogenannten „auslaufenden Modelle“ erwartet, für sie kann voraussichtlich bis zum 31.8.2018 für die Verbraucherinformation die NEFZ-Werte verwendet werden.